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„Ride it“ – eine Schnipseljagd

Als Kind dachte ich immer, dass wir Schnipseljagd spielen, weil bei der Schatzsuche die kleinen Tipps wie Schnipsel auf Papierfetzen an Büschen und Bäumen hingen. Vielleicht hatte ich einfach an den echten leckeren Schnitzeln aus liebevoller, würdiger Tierhaltung als geborener Vegetarier 27 Jahre lang zu wenig Interesse. Beides habe ich entgegen der Masse an wissenschaftlichen Erkenntnissen wohl rekordverdächtig lange gesund und von der Forschung unbeachtet überlebt – die Tiere eher weniger. Deswegen bin ich zu den Wurzeln zurückgekehrt, meine Kinder werden also wohl nie Schnitzeljagd spielen.

Meine ersten Schritte mit der Bearbeitung von Tonaufnahmen zeigten mir einen weiteren Grund für das Missverständnis auf: Ich denke und sortiere Informationen und Gehörtes in Schnipseln, die in der heutigen Popmusik Samples heißen. Aus der westlichen Kunstmusik kennt man das spätestens ab dem 16. Jahrhundert als Motiv, und so hat jede Musikrichtung eigene Namen dafür. Ein Motiv hat man schon gleich als eigenes Stückchen konzipiert und damit weitergearbeitet, soweit das die Musikinstrumente, Sänger und die jeweilige Kunstmode hergaben. Ich glaube, unsere Fugenmeister und Sinfoniker hätten andernfalls mit Sampler und Sequencer gearbeitet, um Krebs, Spiegelung, Umkehrung usw. zu realisieren. Samples sind wörtlich Stichproben aus Musikstücken, z.B. der Refrain, eine markante Basslinie oder Geräuschaufnahmen, die allesamt musikalisch, also wie ein Motiv eingesetzt werden. Daraus wird dann zwar selten eine Fuge oder ein Sonatenhauptsatz, aber es ist längst mehr als simples Klauen, um sich mit fremden Federn zu schmücken.

Auch Redner zitieren oder spielen auf ein Sprichwort an, obwohl sie selbst gut genug sprechen könnten. Zugegeben, manche wollen damit bloß beeindrucken, aber wer mit dem Herzen hört, lässt sich so leicht doch nicht bequatschen? Ein Zitat, ob weithin bekannt oder markant, sagt manchmal mehr: „Denn ich weiß, dass ich nichts weiß.“ von Sokrates ist einfach kein „Soweit ich weiß, ansonsten keine Ahnung, ich weiß ja auch nicht alles.“ von Druify.

Vom Café zum Metall

Im Januar saß ich im Café und hörte hinter den vielen Geräuschen ein Schlagzeug mit einem weichen pulsierenden Ton aus dem Radio. Irgendwie kam mir das bekannt vor, aber Stevie Wonder war nicht zu hören. Seine Stimme ist nicht gerade unscheinbar. Später fand ich den richtigen Titel heraus und war verblüfft, dass er auch ohne Nebengeräusche doch etwas Ähnlichkeit hatte mit dem wohl ersten und bekanntesten Geburtstagslied für Martin Luther King (15.1.1929-4.4.1968).

Besonders am Anfang hört man den Synthesizer ähnlich markant pulsieren, wie es der Musiker Regard später in einem Zwischenteil von „Ride it“ andeuten würde. Wenn man gut aufpasst, hört man, dass das Original etwas mit schnellen Triolen verfeinert ist. Für mich klingt es so, als ob die Hi-Hats vom Schlagzeug durch einen Vocoder mit einem Synthesizer kombiniert werden. Die eigentlich angehaltenen Akkorde spielen dann im gleichen Rhythmus wie die Paarbecken. Mal was anderes, als eine Stimme einzuspeisen, die dann scheinbar Roboter singen lässt.

1. Regard: Ride it (Single 2019)

2. Stevie Wonder: Happy Birthday (Album: Hotter than July, 1980)

Eiserner Rechtsstreit

Und dann kam, was kommen musste. War da nicht auch was Anderes geklaut? Da gab es doch so eine Zwischenstation im „Trans Europa Express“ von Kraftwerk, die da hieß „Metall auf Metall“? Und ja, also mit sehr viel Fantasie kommt das rhythmisch hin – dass Stevie Wonder auch immer alles klauen musste? Aber Scherz beiseite: Gerade kürzlich wurde zum sovielsten Mal gerichtlich verhandelt, ob Moses Pelham aka Moses P. in „Nur mir“ von Sabrina Setlur in 1997 nun unerlaubterweise Material von Kraftwerk zitiert und vervielfältigt hat oder nicht. Das war wohl möglich und nötig angesichts urheberrechtlicher Veränderungen ab 2002.

Was in dem verlinkten Beitrag untergeht: Es geht ursprünglich um die Frage, ob und wieviel die Band Kraftwerk mitverdient, wenn dieser Song verkauft oder öffentlich abgespielt wird. Und da geht es rechtlich nicht nur darum, ob Kraftwerk als Urheber namentlich genannt oder überhaupt um Erlaubnis gefragt wurden. Sondern die Frage ist wohl auch, wie bedeutend das Sampling für den Song eigentlich ist. Wenn es einfach wäre: Na klar hat’s eine Bedeutung, sonst hätte Moses P. ja das Lied ohne Sample gemacht. Schwieriger ist: Wieviel muss er dafür zahlen? Oder muss er sogar das Sample zukünftig entfernen und damit das Original verändern?

3. Kraftwerk: Metall auf Metall (Album: Trans Europa Express…, 1978Metall (Album: Trans Europa Express…, 1978

4. Sabrina Setlur: Nur mir (Album: Die neue S-Klasse, 1997)

Sampling als Containern?

Ich finde es schwierig, mich zu positionieren. Kunst lebt wie alles, was Geschichten erzählt, nun einmal von Erinnerungen, Zitaten, Ähnlichkeiten, Anspielungen.

Kommerziell gesehen werden Erfolgsrezepte, also auch bestimmte musikalische Bauteile, immer wieder benutzt, um den Erfolg zu wiederholen und zu stärken. Mit einem Sample muss man nicht mehr etwas so ähnlich nachspielen, sondern nimmt mehr vom Original mit. Es ist unfair, wenn die ursprünglichen Komponisten dabei außen vor bleiben, auch wenn es nur ein paar Sekunden sind.

Kreativ gesehen arbeiten Künstler immer wieder mit bestehenden Vorlagen und verarbeiten sie – heute eben auch Samples, so dass man schneller bemerkt, woher eine Idee kommt. Das Urheberrecht und nicht zuletzt die entstehenden Kosten laden nicht dazu ein, das Potenzial legal und öffentlich zu entfalten.

Historisch gesehen werden manche berühmte und sogar unbekannte Kunstwerke erst durch Cover oder andere Techniken wiederentdeckt. Ich als Kind der 80er und 90er Jahre weiß das all zu gut. Ich bin erst dadurch neugierig auf ältere Musikwelten geworden, die ich sonst nicht wahrgenommen hätte.

Wer also etwas nachahmt und kopiert, tut für den ursprünglichen Urheber schon eine Menge, bevor die Urheberrechtsfragen geklärt sind. Hat jemand denn schon recherchiert, wie der Erfolg von „Trans Europa Express“ und Kraftwerk sich verändert haben nach dem Sample und später nach den gerichtlichen Streitigkeiten?

Für Moses P. dürfte es vielleicht problematischer sein, denn ehrlich gesagt waren seine Sounds damals nicht unbedingt die angesagtesten und somit wenig nachhaltig für die ansonsten guten Stimmen. Darunter waren Sabrina Setlur, Xavier Naidoo sowie seine eignen Raps, wenn man die Liaison von Gangsta-Rap mit Badesalz-ähnlichem hessischen Humor versteht – ich hab’ dafür ungefähr 20 Jahre gebraucht. Frankfurt ist eben nicht die Bronx und Moses P. nicht Puff Daddy, also wird die Musik einen eignen Sound brauchen, was er zum Glück mittlerweile auch umgesetzt hat. Oh, welch ein Zufall? Moses P. hat gerade jetzt, wo sein Sampling einmal mehr juristisch verhandelt wird, ein neues Album rausgebracht – was er wohl heute aus der Plattenkiste geholt hat?

Regard allerdings hatte wohl weder Stevie Wonder noch Kraftwerk auf dem Schirm, sondern in erster Linie Jay Sean gecovert. Schön, den britischen Sänger kennen zu lernen. Der Hit ist an mir vorübergezogen, obwohl das 2008 recht guter R&B war.

5. Jay Sean: Ride it (Album: All or nothing, 2008)

Nicht nur auf deutschen Autobahnen ohne Tempolimit

Also dann schnell mal weiter ohne Tempolimit. Wie der Trucker, der beim Musikmachen während der Fahrt erwischt wurde (Englisch). Der muss wohl geahnt haben, dass „Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“, heute sogar in 3-D, etwas von „Fun, fun, fun“ von den kalifornischen Beach Boys hatte.

Immerhin ein Fortschritt, denn 1973 ist es nach einer Pop-Mythe die erste deutsche Bundesautobahn A 555 zwischen Köln und Bonn, die mühsam atmosphärisch und mit elektro-akustischer Fachkenntnis ausgeklügelt eingefangen und nachgebaut wurde. Heute kann man ähnlich klingende Werke also buchstäblich on the road produzieren. Aber warum ausgerechnet während man selbst am Steuer sitzt?

6. Kraftwerk: Autobahn (3-D Der Katalog, 2017)

7. The Beach Boys: Fun, fun, fun (Stereo Remaster 2017; Album: Shut Down, 1964)

Verkehrssicherer Erfolg oder Sicherung der Erinnerung?

Aber man wird echt schnell müde von soviel Zug und LKW fahren. Auf der nächsten Seite erfahrt ihr, wie Klanggebung und Zitate für sicheren Erfolg und Wiedererkennung sorgen oder wie sie sogar ein Stückchen Erinnerungskultur werden. Und zu guter letzt verrate ich euch, wie man schon als 12-Jähriger mit der Schnipseljagd musikalische Geschichten erzählt.